BioEconomy Newsletter Oktober

Liebe Leser,

wie man die grüne Transformation einer fossilbasierten Wirtschaft entschlossen und strukturiert anpackt, lässt sich aktuell in Südkorea beobachten. Mit dem Programm „K-GX“ hat die Regierung in Seoul einen Masterplan zum klimafreundlichen Umbau der koreanischen Industrie vorgelegt, für den bis 2035 stolze 668 Milliarden Euro freigemacht werden. Bis 2030 strebt das Land eine erneuerbare Energieleistung von 100 Gigawatt an, um Klimaschutz und Energiesicherheit zu verbinden. Staatspräsident Lee Jae-myung formuliert den Anspruch seines Landes ohne falsche Bescheidenheit: Südkorea will nicht länger hinterherlaufen, sondern zum Architekten und Anführer des globalen grünen Marktes aufsteigen.

Der Clou des koreanischen Ansatzes liegt in seiner Klarheit. Statt sich im regulatorischen Klein-Klein zu verlieren, bündelt Seoul direkte Staatsausgaben (133 Mrd. Euro), Klimafinanzierungen (526 Mrd. Euro) und mobilisiertes Privatkapital (145 Mrd. Euro) in einer einzigen, kohärenten Langfriststrategie. Der Fokus des Programms ist klar definiert: Die fünf schmutzigsten Schlüsselbranchen des Landes – Stahl, Petrochemie, Raffinerien, Zement und Halbleiter – werden dekarbonisiert, während gleichzeitig zehn grüne Zukunftsindustrien hochgezogen werden. Dabei gilt echte Technologieoffenheit von Wasserstoff-Stahl über Batterien bis hin zu Mini-Atomreaktoren (SMR). Wichtigstes Signal an die Wirtschaft: Der Staat teilt das Investitionsrisiko verlässlich bis 2035.

Und Deutschland? Hierzulande sucht man eine solche dezidierte, aus einem Guss geformte Investitionsstrategie vergebens. Zwar mangelt es auf dem Papier nicht an Geld: Über das 2025 geschaffene 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ (SVIK) und den Klima- und Transformationsfonds (KTF), der 2026 ein Volumen von rund 33,1 Milliarden Euro umfasst, fließen durchaus beachtliche Summen. Doch im direkten Vergleich offenbart sich das deutsche Dilemma:

  • Haushaltspolitisches Stückwerk statt Masterplan: Während Südkorea ein zehnjähriges Industriekonzept ausrollt, hangelt sich Deutschland von Haushaltsjahr zu Haushaltsjahr. Der KTF gleicht eher einem Reparaturbetrieb, aus dem mal Gebäudesanierungen, mal Entlastungen, mal Einzelprojekte bezahlt werden – abhängig von der jeweiligen Kassenlage und den CO₂-Einnahmen. Im neuen Sondervermögen konkurriert der Industrieumbau zudem direkt mit maroden Autobahnen, Krankenhäusern und dem schleppenden Wohnungsbau.
  • Förder-Flickenteppich statt Hebelwirkung: Erst im Mai 2026 ließ sich Berlin von der EU-Kommission fünf Milliarden Euro für die industrielle Dekarbonisierung genehmigen, Mitte Oktober kündigte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) eine weitere Förderrunde für Wasserstoff (mindestens 1,5 Mrd. Euro) und CO₂-Abscheidung an. Das sind richtige Impulse, im Vergleich zur südkoreanischen 668-Milliarden-Wucht wirken diese Tranchen jedoch wie homöopathische Dosen.
  • Ordnungspolitik statt Risikoteilung: Wo Seoul der Industrie über ein Jahrzehnt hinweg Planungssicherheit gibt und technologische Risiken aktiv abfedert, dominiert in Deutschland und der EU noch immer der Glaube, man könne die Transformation primär über Berichtspflichten, CO₂-Preise und kleinteilige Förderbescheide herbeiregulieren.

Südkorea begreift die grüne Transformation nicht als bürokratische Pflichtübung, sondern als knallharten globalen Standortwettbewerb um die Märkte von morgen. Wenn Deutschland und Europa in den kommenden zehn Jahren nicht bloß als zahlungskräftige Abnehmer koreanischer, amerikanischer oder chinesischer Cleantech-Produkte enden wollen, reicht das Verwalten von Sondervermögen nicht aus. Es braucht endlich eine konsistente Industriestrategie, die klotzt statt kleckert.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen

Ihr BioEconomy e.V.


Top-News: Strukturelle Hürden bremsen Europas Spitzenforschung bei der Umsetzung

Artikelinhalte

Eine neue, gemeinsame Studie des Europäischen Patentamts (EPA), des ASTP und des Fraunhofer ISI untersucht erstmals umfassend die Arbeit europäischer Technologietransferbüros (TTOs). Eine Analyse von über 800 Einrichtungen zeigt: Die akademische Forschung hat bei Patenten massiv aufgeholt, so stammen inzwischen über 10 Prozent aller europäischen EPA-Anmeldungen von Universitäten (gegenüber 6 Prozent im Jahr 2000).

Dennoch erschweren strukturelle Hürden und knappe Ressourcen die kommerzielle Umsetzung. Ein typisches europäisches Transferbüro muss den gesamten Prozess mit weniger als sieben Vollzeitstellen stemmen. Das führt zu einem Flaschenhals: Aus im Schnitt neun Erfindungsmeldungen pro Jahr entstehen durchschnittlich nur sechs Patentanmeldungen, 3,3 Lizenzvergaben und lediglich 0,5 Spin-offs. Auch die finanzielle Puste geht häufig früh aus: Während US-Hochschulen ihre Patente ähnlich lange aufrechterhalten wie die dortige Industrie (nur 1,5 Prozentpunkte Differenz), klafft in Europa eine Lücke von 8,5 Prozentpunkten. Nur 59,3 Prozent  der direkt angemeldeten hochschuleigenen Patente in Europa „überleben“ überhaupt die 10-Jahres-Marke.

Um diese Lücke zwischen akademischem Labor und freiem Markt zu schließen, fordert der Report gezielte Unterstützung für die TTOs. Neue digitale Instrumente sollen Wissenschaft und Wirtschaft künftig enger vernetzen, damit weniger vielversprechende Erfindungen in der Schublade bleiben.

Zur Studie


Aus unserem BioEconomy-Netzwerk:

UPM: Weltweit einzigartige Bioraffinerie in Leuna offiziell eröffnet

Im Chemiepark Leuna hat der finnische Konzern UPM nach sechsjähriger Bauzeit seine weltweit einzigartige Bioraffinerie in Betrieb genommen. Mit einer Gesamtinvestition von 1,3 Milliarden Euro stellt das Werk Chemierohstoffe wie Glykol, Industrie-Zucker und ligninbasierte Füllstoffe aus regionalem Buchenholz her, die bislang primär aus fossilen Energieträgern gewonnen wurden. Die biobasierten Produkte finden künftig Anwendung in PET-Flaschen, Autoreifen und Textilien. Der Hochlauf der Anlage ist schon seit längerem im Gange. Die Raffinerie besitzt eine Jahreskapazität von 220.000 Tonnen und wird bei vollem Betrieb der größte Energieabnehmer am Standort Leuna sein.

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Smart Infrastructure Hub in der Baumwollspinnerei Leipzig eröffnet

Auf dem Gelände der Baumwollspinnerei im Leipziger Westen hat ein neues Innovationszentrum namens Smart Infrastructure Hub eröffnet. Die Gründungsinitiative SMILE der Universität Leipzig bezieht dort auf über 500 Quadratmetern einen neuen Incubation Space für geförderte Gründungsteams vor der Unternehmensgründung. Das Gemeinschaftsprojekt von SMILE, der Stadt Leipzig, dem SpinLab sowie der HHL Leipzig Graduate School of Management bietet moderne Arbeitsplätze, individuelles Coaching und Weiterbildungen. Ergänzend steht das Process Living Lab des SEPT Kompetenzzentrums für praxisnahe Produkttests bereit.

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Uni Halle stärkt Gründungsförderung im Strukturwandel mit 1,5 Millionen Euro

Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) forciert forschungsbasierte Ausgründungen in Mitteldeutschland. Dafür fließen rund 1,5 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus und des Landes Sachsen-Anhalt in neue Beratungs- und Unterstützungsformate. Vier spezialisierte Coaches begleiten wissenschaftliche Teams künftig von der Idee bis zum Geschäftsmodell. Inhaltlich verknüpft die Initiative regionale Strukturwandel-Verbünde wie den Bioökonomie-Verbund DiP mit zukunftsweisenden Deep-Tech-Feldern, um innovative Forschungsergebnisse systematisch in tragfähige Unternehmen zu überführen.

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Aus der Welt der Bioökonomie:

Europäische Industrieallianz plant Hochlauf für Wasserstoff-Lkw

Auf der IAA Transportation in Hannover haben Daimler Truck, Volvo Group, Bosch, TotalEnergies und weitere Branchengrößen eine Initiative für emissionsfreie Transporte vorgestellt. Ziel ist ein wettbewerbsfähiges Ökosystem für schwere Wasserstoff-Nutzfahrzeuge bis 2030 in Deutschland und Europa. Geplant sind Serienstarts für Brennstoffzellen- und Wasserstoff-Verbrennungsmotoren sowie der parallele Aufbau von Hochleistungs-Tankstellen für flüssigen und gasförmigen Wasserstoff. Flankierende Mautbefreiungen und Förderungen sollen die Betriebskosten an das Niveau von Dieselfahrzeugen angleichen.

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Brandenburg plant Gesetz zur CO2-Speicherung im Untergrund

Brandenburg will den Einsatz von Carbon Capture and Storage (CCS) eingehend prüfen. Der Landtag stimmte mehrheitlich für einen Antrag der Koalition aus SPD und CDU, bis zum zweiten Quartal 2027 ein entsprechendes Gesetz vorzulegen. Die unterirdische Speicherung soll vor allem emissionsintensiven Branchen wie der Stahl- und Zementindustrie beim klimafreundlichen Umbau helfen. Während Wirtschaftsverbände das Vorhaben zur Sicherung industrieller Wertschöpfung befürworten, warnen Umweltverbände vor Leckagen und Gefahren für das Grundwasser. Der BioEconomy e. V. fordert, vorrangig Technologien zur Nutzung von abgeschiedenem Kohlenstoff (Carbon Capture and Utilization, CCU) zu fördern, erforschen und umzusetzen.

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Bio-Kunststoffe aus regionalem Wiesengras

Das Forschungsprojekt „Gras-to-Plast“ belegt die Praxistauglichkeit biobasierter Kunststoffe aus Wiesengras in der Großserie. Im Rahmen der Initiative haben die Biowert Industrie GmbH, die Hochschule Darmstadt und die Cortec GmbH bereits über 50 Tonnen Material zu mehr als einer Million Spritzgussteilen verarbeitet. Als Rohstoff dienen Zellulosefasern aus regionalem Dauergrünland, die fossile Faserstoffe in speziellen Kunststoff-Compounds ersetzen. Optimierte Entgasungsverfahren und gehärtete Werkzeuge stellen dabei eine verschleißarme, energieeffiziente Produktion unter realen Industriebedingungen sicher.

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Grüner Wasserstoff: Forschung top, Markthochlauf flop

Eine aktuelle Analyse des Fraunhofer ISI belegt ein weltweites Wachstum bei Forschung, Patenten und öffentlicher Förderung von Elektrolysetechnologien zur Produktion von „grünem“ Wasserstoff. Deutschland belegt dabei im internationalen Vergleich einen starken dritten Platz. Trotz Milliardeninvestitionen in ein breites Technologieportfolio bleibt der Aufbau eines globalen Elektrolyseur-Marktes jedoch herausfordernd. Für einen wirtschaftlich tragfähigen Massenmarkt seien nun verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, planbare Förderungen und konkrete Abnehmer für den grünen Wasserstoff zwingend erforderlich, so der Fraunhofer-Bericht.

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Abwasserreinigung: Umweltminister Schneider will Pharmafirmen zur Kasse bitten

Bundesumweltminister Carsten Schneider fordert, dass Pharma- und Kosmetikhersteller sich stärker an den Kosten für eine vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen beteiligen. Auf einer Konferenz in Berlin betonte der SPD-Politiker, dass die Beseitigung von Medikamentenrückständen im Abwasser von den Verursachern finanziert werden müsse. Sollte eine europäische Regelung scheitern, schließe er auch einen nationalen Weg nicht aus. Zudem plädierte Schneider für strengere Vorgaben und höhere Wassergebühren für wasserintensive Großverbraucher wie Rechenzentren.

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Veranstaltungen:

Bioökonomieforum Sachsen 2026

Das Potenzial biologischer Ressourcen für die regionale Wirtschaftsentwicklung sichtbar machen – das ist das zentrale Anliegen des Bioökonomie Forums Sachsen.

Im Rahmen der Konferenz kommen Jahr für Jahr Vertreterinnen und Vertreter aus Unternehmen, Wissenschaft, Politik und Verwaltung zusammen, um erfolgreiche Partnerschaften, innovative Technologien und nachhaltige Geschäftsmodelle im Bereich der Kreislaufwirtschaft zu beleuchten und im branchenübergreifenden Austausch neue Kooperationen zu initiieren. In diesem Jahr steht das Forum unter dem Titel „Regionale Partnerschaften für Wertschöpfung, Innovation und Nachhaltigkeit“ und findet am 1. Dezember in Böhlen, südlich von Leipzig statt.

Ein besonderes Highlight zum Auftakt des Tages ist das „Warm-up: Holz – Metamorphosen eines nachwachsenden Rohstoffs“ ab 10:00 Uhr, dessen inhaltliche Gestaltung der BioEconomy e. V. übernimmt. Dabei steht einer der wichtigsten nachwachsenden Rohstoffe und dessen Bedeutung für die moderne biobasierte Industrie im Fokus. Unter anderem wird Konrad Gebauer, Head of Process Development bei UPM Biochemicals, wertvolle Impulse für die nachfolgenden Diskussionen setzen.

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