Mit dem „Strategic Framework for a Competitive and Sustainable EU Bioeconomy“ positioniert die Europäische Kommission die Bioökonomie ausdrücklich als wirtschafts- und industriepolitisches Zukunftsfeld. Im Zentrum steht nicht allein die weitere Stärkung von Forschung und Nachhaltigkeit, sondern der gezielte Beitrag der Bioökonomie zu Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz, strategischer Autonomie und zur Substitution fossiler Rohstoffe.
Aus Sicht des BioEconomy e.V. ist dieser Ansatz grundsätzlich richtig: Die europäische Bioökonomie ist bereits heute ein bedeutender Wirtschaftssektor. Zugleich benennt die Strategie zentrale Hemmnisse für den industriellen Markthochlauf realistisch – insbesondere Investitionslücken, langsame Genehmigungsprozesse und unsichere bzw. fragmentierte Märkte – und rückt daher Skalierung, Finanzierung und Nachfrageinstrumente stärker in den Vordergrund.
1. Skalierung von Innovationen und Investitionen: Fokus auf Umsetzungsfähigkeit
Die Strategie setzt an entscheidenden Engpässen an, die die industrielle Bioökonomie seit Jahren prägen: Der Übergang von Forschung und Pilotierung in die erste kommerzielle Anlage sowie die anschließende Skalierung sind vielfach durch Finanzierungsrisiken, lange Verfahren und mangelnde Planbarkeit begrenzt. Vor diesem Hintergrund ist der angekündigte Schwerpunkt auf vereinfachte und besser abgestimmte Regeln – inklusive regulatorischer Sandboxes und beschleunigter Verfahren – sowie auf Instrumente zur Mobilisierung privaten Kapitals ein wichtiger Schritt.
Für die industrielle Umsetzung ist dabei entscheidend, dass die angekündigten Maßnahmen tatsächlich zu kürzeren Time-to-Market-Zeiten führen, Genehmigungs- und Bewertungsprozesse vereinheitlicht werden und Förder- und Finanzierungsinstrumente so ausgestaltet sind, dass sie die beiden kritischen Finanzierungsphasen („Valleys of Death“) wirksam überbrücken.
2. Leitmärkte und Nachfrage: Von Produktentwicklung zu verlässlichen Absatzperspektiven
Ein zentraler Fortschritt der Strategie ist der deutliche Fokus auf die Nachfrageseite. Die Kommission kündigt an, Leitmärkte für biobasierte Produkte und Materialien gezielt zu entwickeln – unter anderem über Reformen im öffentlichen Beschaffungswesen sowie über industriegetriebene Beschaffungsinitiativen. Dies adressiert ein strukturelles Problem: Innovative biobasierte Produkte können nur dann skalieren, wenn verlässliche Absatzperspektiven entstehen und Märkte nicht durch Unsicherheit bei Standards, Definitionen und regulatorischen Anforderungen ausgebremst werden.
Die in der Strategie skizzierten prioritären Anwendungsfelder – darunter biobasierte Kunststoffe und Verpackungen, Textilien, Chemikalien, Bauprodukte sowie Düngemittel und Pflanzenschutzmittel – sind für die industrielle Bioökonomie in Deutschland und Europa besonders relevant. Für diese Sektoren sind kohärente Standards, Zertifizierungen und produktbezogene Anforderungen (z. B. über Ecodesign-Logiken) vorgesehen. Der Aufbau der Bio-based Europe Alliance mit dem Ziel einer gebündelten gemeinsamen Beschaffung bis 2030 ist ein weiterer Ansatz, um Marktsignale in einer frühen Phase zu verstärken.
3. Nachhaltige Biomasseversorgung: Ressourceneffizienz, Nebenströme und Resilienz
Die Strategie betont, dass der Ausbau der Bioökonomie nur auf Basis einer langfristig gesicherten, nachhaltigen und resilienten Biomasseversorgung möglich ist. Der Fokus auf Effizienzsteigerungen, die stärkere Erschließung von Neben- und Reststoffen sowie der Ausbau zirkulärer Geschäftsmodelle ist hierfür zentral – sowohl zur Reduktion von Nutzungskonkurrenzen als auch zur Stärkung regionaler Wertschöpfung.
Wesentlich ist zudem der angekündigte Ausbau von Daten- und Monitoringinstrumenten zur Biomasseverfügbarkeit und zu Umweltwirkungen, einschließlich der Nutzung von Erdbeobachtungsdaten und des Knowledge Centre for Bioeconomy. Damit wird eine Grundlage geschaffen, um Zielkonflikte transparent zu machen und die Rahmenbedingungen für nachhaltige Biomassenutzung verlässlich weiterzuentwickeln.
4. Globale Dimension: Partnerschaften, Standards und nachhaltige Wertschöpfungsketten
Die Verankerung der Bioökonomie in Außen- und Handelspolitik ist für eine exportstarke, industriebasierte Bioökonomie in Europa von hoher Bedeutung. Vorgesehen sind stärkere Nutzung von Handelsabkommen, internationale Kooperation zu Standards und Daten sowie eine aktivere Rolle in multilateralen Foren. Ebenso relevant ist der Fokus auf Partnerregionen in der europäischen Nachbarschaft – darunter BIOEAST-Staaten, Ukraine, Moldau und der Westbalkan – zur Förderung von Investitionen, Innovation und Kapazitätsaufbau.
5. Umsetzung und Governance: Der Maßstab ist die Wirksamkeit im Markt
Die Strategie kündigt eine strukturierte Umsetzung über EU-Bioökonomie-Dialoge mit Mitgliedstaaten, die Einbindung von Stakeholder-Plattformen sowie ein weiterentwickeltes EU Bioeconomy Monitoring System an. Ein Umsetzungsbericht ist für 2028 vorgesehen.
Für die Unternehmen der Bioökonomie ist ausschlaggebend, dass die Umsetzung zu konkret messbaren Verbesserungen führt – insbesondere bei Genehmigungsdauern, Investitionszugang, Marktsicherheit und Standardisierung. Gleichzeitig darf die Einführung neuer Vorgaben nicht zu zusätzlicher Bürokratie führen, sondern muss bestehende Komplexität reduzieren und Planbarkeit erhöhen.
Einordnung aus Sicht der industriellen Bioökonomie
Bei aller positiven Grundausrichtung bleiben aus Sicht der industriellen Bioökonomie zentrale Fragen offen. Die Strategie formuliert zahlreiche Instrumente, Ankündigungen und Zeitpläne, lässt jedoch an mehreren Stellen offen, wie verbindlich, wie schnell und in welchem Umfang diese Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden. Gerade für kapitalintensive industrielle Bioökonomieprojekte ist Planbarkeit entscheidend – sowohl mit Blick auf Genehmigungsdauern als auch auf Förder- und Investitionsbedingungen.
Zudem besteht die Gefahr, dass gut gemeinte neue Anforderungen – etwa im Bereich Standards, Zertifizierungen oder Nachhaltigkeitsnachweise – zusätzliche Komplexität erzeugen, wenn sie nicht konsequent vereinfacht, harmonisiert und auf bestehende Regelwerke abgestimmt werden. Die Strategie wird nur dann Wirkung entfalten, wenn sie zu einem tatsächlichen Abbau regulatorischer Hürden führt und nicht zu einer weiteren Fragmentierung des Binnenmarkts.
Kritisch zu bewerten ist auch, dass zentrale Standortfaktoren für die industrielle Umsetzung – insbesondere Energiepreise, Infrastrukturverfügbarkeit und internationale Wettbewerbsfähigkeit – zwar implizit adressiert, aber nicht systematisch mit der Bioökonomiestrategie verzahnt werden. Ohne wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen besteht das Risiko, dass Investitionen und industrielle Skalierung trotz geeigneter Technologien und Märkte außerhalb Europas erfolgen.
Schließlich wird der Erfolg der Strategie maßgeblich davon abhängen, ob die angekündigten Investitionsinstrumente tatsächlich ausreichend dotiert, zielgerichtet ausgestaltet und für Unternehmen praktikabel zugänglich sind. Ankündigungen allein werden die bestehenden Investitionslücken nicht schließen; erforderlich sind schnell wirksame, risikoentlastende Finanzierungsmodelle, die private Investitionen mobilisieren.
Abschließende Bewertung
Die neue EU-Bioökonomiestrategie setzt wichtige industriepolitische Signale und rückt Umsetzung, Märkte und Wettbewerbsfähigkeit deutlich stärker in den Mittelpunkt als frühere Ansätze. Sie erkennt die Bioökonomie als wirtschaftlichen Kernbaustein der europäischen Transformation an. Entscheidend wird nun sein, ob es gelingt, aus strategischen Leitlinien konkrete, verlässliche und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Nur dann kann die Bioökonomie ihr Potenzial als Wachstumsmotor, Innovationsplattform und Beitrag zur Defossilisierung in Europa tatsächlich entfalten.
