
BioEconomy Newsletter Mai
Liebe Leser,
die europäische Industrie steht heute in einem historischen Spannungsfeld, das ein entschlossenes, strategisches Handeln zwingend erforderlich macht. Aktuelle geopolitische und wirtschaftliche Krisen führen uns die Risiken internationaler Abhängigkeiten und einer mangelnden Resilienz unserer Lieferketten drastisch vor Augen. Wie dringlich die Lage ist, unterstreichen die jüngsten Mahnungen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Infolge der Iran-Krise musste die EU bereits 27 Milliarden Euro an Mehrkosten für Energieimporte aufwenden – ohne jeglichen Mengenzuwachs. Um wirtschaftliche Stabilität zu sichern, wird politisch ein technologieoffener Ausbau gefordert, bei dem neben erneuerbaren Energien auch modulare Kleinreaktoren (SMR) im Fokus stehen. Gleichzeitig verdeutlicht dieser immense finanzielle Druck, dass die notwendige Defossilisierung unserer Industrie kein langfristiges Zukunftsprojekt mehr sein darf, sondern die unmittelbare Voraussetzung für unsere wirtschaftliche Souveränität darstellt.
Der Weg von wegweisenden Innovationen aus Forschung und Wissenschaft hin zu einer flächendeckenden Umsetzung in der Praxis verläuft jedoch oft noch zu langsam. Während politische Vorgaben den Rahmen setzen, bremst die mangelnde Skalierung den Transformationsprozess. Dass die Politik das Problem erkannt hat, zeigt ein neues Fördermittelpaket der EU in Höhe von insgesamt mehr als 180 Millionen Euro.
Da biologische Ressourcen endlich sind, kommt jedoch auch der effizienten Priorisierung eine Schlüsselrolle zu. Eine aktuelle Studie zu „Szenarien zum optimalen Einsatz von Biomasse in der Bioökonomie bis 2050“ liefert mittels komplexer Systemmodellierungen klare Leitlinien: Der Fokus verschiebt sich weg von der rein energetischen Nutzung hin zu hochwertigen Anwendungen im Holzbau, der organischen Chemie, als Torfersatz sowie zur Erzeugung negativer Emissionen mittels BECCS-Technologien.
Ergänzend dazu untermauern hochinnovative Verfahren aus der Spitzenforschung das technologische Potenzial der Bioökonomie. Dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ ist es gelungen, ein Verfahren zur Eliminierung von kurzkettigen PFAS aus dem Wasser zu entwickeln. Parallel dazu präsentiert das Fraunhofer IGB ein biologisches Recyclingverfahren für Metalle wie Palladium und Neodym, das wichtige Rohstoffe aus Elektroschrott löst. Diese Methoden arbeiten umweltschonend und könnten die europäische Importabhängigkeit signifikant reduzieren – sofern die Skalierung gelingt.
Um genau dieses komplexe Spannungsfeld zwischen politischen Rahmenbedingungen, wissenschaftlichen Durchbrüchen und den Hürden der industriellen Skalierung tiefgehend zu debattieren, laden wir Sie herzlich zur diesjährigen Bioeconomy Conference am 17. und 18. Juni nach Berlin ein. Gemeinsam mit hochkarätigen Referenten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik werden wir die Weichen für eine resilientere und defossilisierte Zukunft stellen.
Bis dahin viel Spaß beim Lesen unseres Newsletters wünscht
Ihr BioEconomy e.V.
Top News: Studie modelliert Zukunftsszenarien der mitteldeutschen Chemieindustrie
Der Mitteldeutsche Stoffverbund (MDSV) ist ein hochgradig integriertes Netzwerk, in dem die Chemiestandorte Böhlen, Schkopau, Leuna, Bitterfeld-Wolfen, Piesteritz und Zeitz über komplexe Stoffströme eng miteinander verflochten sind. Das Herzstück bildet bislang der Steamcracker in Böhlen. Die geplante Stilllegung dieses Steamcrackers bis Ende 2027 zwingt den MDSV, sich neu zu erfinden.
Eine vielbeachtete Studie des Projekts „House of Transfer“ analysiert drei technologische Pfade für die Rohstoffwende:
- den Ersatz von fossilem Naphtha durch nachhaltige Fischer-Tropsch-Äquivalente aus Biomasse oder CO2 und Wasserstoff
- eine flexible Methanol-basierte Plattformchemie sowie ergänzend
- selektive biotechnologische Routen, etwa auf Basis von C6-Zuckern
Um die industrielle Wertschöpfung in Leuna, Schkopau und Bitterfeld auf diese Weise zu sichern, wäre laut der Untersuchung ein massiver Ausbau von Wasserstoff- und CO2-Netzen sowie eine engere Verzahnung mit der Agrar- und Forstwirtschaft notwendig. Dennoch unterstreicht die MDSV-Studie, dass der Wegfall des Crackers in Böhlen nicht das Ende der chemischen Industrie in Mitteldeutschland bedeuten muss, sondern der Startpunkt für eine mutige Neuausrichtung unter veränderten globalen Rahmenbedingungen sein kann.
Aus unserem BioEconomy-Netzwerk:
UFZ knackt kurzkettige PFAS
Kurzkettige PFAS wie Perfluorbutansäure (PFBA) belasten zunehmend unser Wasser und lassen sich bisher nur schwer filtern. Ein Team des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung UFZ hat nun ein zweistufiges elektrochemisches Verfahren entwickelt, um diese Stoffe effizient zu eliminieren. Dabei werden die PFAS zunächst an einem Aktivkohlevlies angereichert und anschließend mittels Elektrooxidation vollständig zerstört. Das patentierte Verfahren ist energiesparend, vor Ort einsetzbar und schont Ressourcen, da das Filtermaterial mehrfach regeneriert werden kann.
Zukunft der Holzversorgung: Mercer im Dialog mit der Bundespolitik
Die Holzverfügbarkeit in Deutschland steht unter strukturellem Druck. Wolfgang Beck und Dr. Carsten Merforth von Mercer International brachten beim Branchendialog mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) zentrale Herausforderungen wie sinkende Nadelholzbestände und steigende Logistikkosten zur Sprache. Mercer fordert verlässliche politische Rahmenbedingungen, etwa bei der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) und der Förderung des Holzbaus. Nur durch eine aktive, nachhaltige Forstwirtschaft lassen sich Klimaschutzziele erreichen und die industrielle Wertschöpfung der Bioökonomie langfristig sichern.
Studie: Wie Biomasse bis 2050 optimal zum Klimaschutz beiträgt
In der neu erschienenen Studie „Szenarien zum optimalen Einsatz von Biomasse in der Bioökonomie bis 2050“ untersuchen Forschende des DBFZ und UFZ den kosteneffizienten Weg zur Klimaneutralität. Da Biomasse eine begrenzte Ressource ist, liefert der Bericht durch komplexe Systemmodellierungen klare Prioritäten: Der Fokus verschiebt sich von der rein energetischen Nutzung hin zu hochwertigen Anwendungen im Holzbau, der organischen Chemie und als Torfersatz. Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf der Rolle von BECCS-Technologien (Bioenergy with Carbon Capture and Storage) zur Erzeugung negativer Emissionen. Der vollständige Report steht kostenfrei als Download zur Verfügung.
Aus der Welt der Bioökonomie:
Defossilisierung: Von der Leyen nennt Atomenergie als Alternative
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat eine drastische Reduktion der Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten angemahnt. Infolge der Iran-Krise zahlte die EU bereits 27 Milliarden Euro an Mehrkosten für Energieimporte ohne Mengenzuwachs. Um wirtschaftliche Stabilität und Unabhängigkeit zu sichern, plädiert sie für einen technologieoffenen Ausbau der europäischen Energieerzeugung. Neben erneuerbaren Energien rückt dabei auch die Forschung an grundlastfähigen, modularen Kleinreaktoren (SMR) verstärkt in den Fokus der EU-Förderung.
Urban Mining: Mikroben und Algen als „Schatzsucher“ für Elektroschrott
Das Fraunhofer IGB präsentiert auf der IFAT 2026 ein innovatives biologisches Recyclingverfahren für Metalle wie Palladium und Neodym. Mittels sogenanntem Bioleaching lösen Mikroorganismen wie Pseudomonas aeruginosa Rohstoffe selektiv aus Elektroschrott, während Mikroalgen diese per Biosorption binden. In Laborstudien übertraf die biologische Freisetzungsrate von Palladium chemische Methoden um über 13 Prozent. Dieses umweltfreundliche Verfahren arbeitet ohne giftige Chemikalien und bei niedrigen Temperaturen, was die europäische Abhängigkeit von Metallimporten künftig reduzieren könnte.
Mikroben als Palmöl-Ersatz aus dem Bioreaktor
Ein Forschungsteam der University of Toronto hat einen biotechnologischen Durchbruch erzielt, der die Abhängigkeit von Palmöl drastisch reduzieren könnte. Mittels spezieller kettenverlängernder Bakterien (CEBs) ist es gelungen, mittelkettige Fettsäuren (MCCAs) aus organischen Abfällen herzustellen. Diese Chemikalien sind identisch mit denen aus Palmkernöl und bilden die Basis für einen Drei-Milliarden-Dollar-Markt in der Kosmetik-, Reinigungs- und Futtermittelindustrie.
180 Millionen Euro für Europas Bioökonomie
Die EU schlägt eine Brücke vom Labor zum Markt: Am 23. April öffnete das Förderfenster des Circular Bio-based Europe Joint Undertaking (CBE JU) mit einem Volumen von 170,7 Millionen Euro. Unterstützt werden 13 Themenfelder aus dem Bereich der Bioökonomie, darunter Leuchtturm-Projekte für Bioraffinerien sowie nachhaltigen Pflanzenschutz und Kosmetik. Ergänzt wird dies durch eine bereits am 17. April gestartete Ausschreibung über 12 Millionen Euro im Rahmen des Horizon-Europe-Programms, zur Integration von KI in die Bioproduktion. Konsortien haben nun bis September Zeit, ihre Anträge einzureichen.
Veranstaltungshinweis:
Bioeconomy Conference 2026 – 17. & 18. Juni in Berlin
Die europäische Bioökonomiestrategie setzt ambitionierte Ziele für die Transformation der Industrie und die Reduktion fossiler Rohstoffe. Doch wie lassen sich diese Ziele unter realen wirtschaftlichen Bedingungen umsetzen? Das Spannungsfeld zwischen aktuellen politischen Strategien und tatsächlichen Investitionen steht im Zentrum der diesjährigen Bioeconomy Conference 26 am 18. Juni in Berlin. Wir diskutieren konkret, welche Rahmenbedingungen den industriellen Hochlauf ermöglichen – und an welchen Stellen strukturelle Hürden die Etablierung funktionierender Märkte noch verhindern. Das Konferenzprogramm verknüpft prägnant die entscheidenden Ebenen von der politischen Rahmensetzung bis zur realen unternehmerischen Umsetzung:
- Den Auftakt bildet die Keynote von Jan Ceyssens (Europäische Kommission, Deputy Head of Cabinet Environment, Water Resilience and a Competitive Circular Economy). In seinem Beitrag „Scaling The Bioeconomy: From Policy Vision to Industrial Reality“ legt er fundiert dar, wie der Übergang von strategischen Visionen zu verlässlichen ordnungspolitischen Rahmenbedingungen gelingen muss, um den Hochlauf in der europäischen Realität wettbewerbsfähig zu gestalten.
- Direkt daran knüpft der Impulsvortrag von Marco Pellegrini (Cefic, Bioeconomy Manager) an. Er beleuchtet die regulatorischen Vorgaben gezielt aus Sicht der chemischen Industrie und analysiert, wie der Umstieg auf biobasierte Rohstoffe im globalen Marktumfeld ökonomisch tragfähig vollzogen werden kann und wo heute bereits neue Wertschöpfungspotenziale entstehen.
- Dass eine Skalierung in der Praxis erfolgreich realisierbar ist, wenn wissenschaftliche Innovationen, politische Rahmenbedingungen und der wirtschaftliche Transformationswille einer Branche zusammenkommen, demonstriert das finnische Unternehmen UPM. Dr. Harald Dialer (UPM Next Generation Renewables, CTO & Executive Vice President) zeigt auf, wie der Schritt vom Pilotprojekt zur großskalierten industriellen Produktion verlässlich gelingt.
- Ergänzend zum fachlichen Programm lädt das exklusive Collaboration Dinner am Vorabend, 17. Juni, auf den malerischen RIVO Spreeterrassen dazu ein, die Netzwerke zwischen Akteuren aus Chemieindustrie, Wirtschaft, Forschung und Verwaltung in entspannter Atmosphäre zu vertiefen und gemeinsame Initiativen anzustoßen.
Sichern Sie sich jetzt Ihr Konferenz-Ticket und gestalten Sie den industriellen Hochlauf aktiv mit. Unsere transparente Ticketstruktur bietet maßgeschneiderte Optionen für alle Bereiche:
- 800 Euro Normalpreis
- 400 Euro Public & Education (Mitarbeiter von Verwaltung & Hochschulen)
- 250 Euro Student (Schüler und Studenten)
Bioeconomy Conference 26 – 18. Juni im Spreespeicher Berlin. Alle weiteren Informationen zu Programm, Leistungen und Veranstaltungsorten finden Sie direkt auf unserer offiziellen Konferenz-Website: bioeconomy-conference.eu.
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