Studie: Der Mitteldeutsche Stoffverbund 2035 – Rohstoffwende in der chemischen Industrie

Der Mitteldeutsche Stoffverbund (MDSV) steht vor seiner größten Zäsur: Die geplante Stilllegung des Steamcrackers in Böhlen bis Ende 2027 markiert einen tiefgreifenden Strukturbruch für eines der bedeutendsten Chemiecluster Deutschlands. Eine neue Studie des Projekts House of Transfer, an dem auch der Bioeconomy e. V. beteiligt ist, zeigt nun erstmals systematisch auf, wie die Region den Übergang zu einer nachhaltigen Rohstoffbasis meistern kann.

Der Mitteldeutsche Stoffverbund ist ein hochgradig integriertes Netzwerk, in dem die Standorte Böhlen, Schkopau, Leuna, Bitterfeld-Wolfen, Piesteritz und Zeitz über komplexe Stoffströme eng miteinander verflochten sind. Das Herzstück bildet bislang der Steamcracker in Böhlen, der zentrale petrochemische Basischemikalien wie Ethylen, Propylen und Aromaten liefert. Mit dessen drohendem Aus würden auch nachgelagerte Produktionsketten ihre wichtigste Rohstoffquelle verlieren.

Drei Pfade in die Zukunft

Die Studie „Der Mitteldeutsche Stoffverbund 2035“ analysiert drei technologische Transformationspfade, um die stoffliche Versorgung der Region langfristig zu sichern:

  1. Naphtha-basierte Plattformchemie: Dieser strukturkonservative Pfad setzt darauf, fossiles Naphtha durch nachhaltige Fischer-Tropsch-Äquivalente (aus Biomasse oder CO2​ und Wasserstoff) zu ersetzen. Er ermöglicht die weitere Nutzung der bestehenden Infrastruktur, erfordert jedoch enorme Mengen an Biomasse oder erneuerbarer Energie.
  2. Methanol-basierte Plattformchemie: Hier fungiert Methanol als universelle Plattformchemikalie, die katalytisch in Olefine und Aromaten umgewandelt wird. Dieser Pfad bietet eine hohe Flexibilität und eine effizientere Rohstoffnutzung bei der Produktion von Basischemikalien.
  3. Selektive biotechnologische Chemie: Ergänzend könnten spezifische Wertschöpfungsketten wie die Nylon-Produktion direkt über biotechnologische Routen (z. B. auf Basis von C6-Zuckern) transformiert werden. Dies reduziert Abhängigkeiten von zentralen Plattformen, ist jedoch weniger breit skalierbar.

Regionale Bedeutung und Strukturwandel

Für den Strukturwandel in Mitteldeutschland ist die Studie ein wichtiger Orientierungsrahmen. Sie macht deutlich, dass eine erfolgreiche Transformation regionale Wettbewerbsvorteile konsequent nutzen muss. Dazu gehört insbesondere die Binnenlage in einer agrar- und forstwirtschaftlich geprägten Region, die als Chance für den Zugang zu nachhaltiger Biomasse verstanden werden sollte.

Die Kernbotschaften für die Region sind klar:

  • Transformation braucht Infrastruktur: Der Aufbau substanzieller Netze für Wasserstoff, CO2​ und Biomasse-Logistik ist Grundvoraussetzung für den Erhalt der Wertschöpfung.
  • Sektorübergreifende Kooperation: Die Chemieindustrie muss künftig enger mit der Agrar-, Forst-, Abfall- und Energiewirtschaft im Verbund agieren.
  • Resilienz vor Effizienz: Der aktuelle Strukturbruch zeigt, dass die Abhängigkeit von einzelnen Ankeranlagen Risiken birgt. Ein zukunftsfähiger MDSV 2035 wird aus einem Mix aus zentralen Plattformen und dezentralen, biobasierten Ansätzen bestehen.

Die Untersuchungsergebnisse sind als fundamentale Basisstudie zu verstehen, die eine notwendige systemische Analyse darstellt und die technologischen Korridore aufzeigt, in denen sich der Mitteldeutsche Stoffverbund bis 2035 bewegen kann. Die Identifikation dieser Pfade ist nur der erste Schritt: Um die Transformation in die industrielle Praxis zu überführen, müssen und werden nun weitere, tiefer gehende Studien folgen.

Ein besonderer Fokus wird dabei auf der detaillierten Wirtschaftlichkeitsanalyse der verschiedenen Ansätze liegen, um Investitionssicherheit für die betroffenen Unternehmen zu schaffen. Zudem bedarf insbesondere der dritte Pfad – die selektive biotechnologische Chemie – einer noch feingliedrigeren Untersuchung, um spezifische Potenziale für regionale Wertschöpfungsketten exakt zu beziffern. Die MDSV-Studie markiert somit nicht das Ende der Planung, sondern den Startschuss für einen faktenbasierten und kontinuierlichen Forschungs- und Implementierungsprozess in der Region.

Die MDSV-Studie unterstreicht, dass der Wegfall des Crackers in Böhlen nicht das Ende der chemischen Industrie in Mitteldeutschland bedeuten muss, sondern der Startpunkt für eine mutige Neuausrichtung unter veränderten globalen Rahmenbedingungen sein kann.

Die vollständige Studie „Der Mitteldeutsche Stoffverbund 2035“ zum Download.