
BioEconomy Newsletter Juli
Liebe Leser,
jüngst wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) ein interessanter Förderaufruf gestartet. Mit dem sogenannten „Innovationshub Biotech4Proteins“ sollen die Zellkultivierung und Präzisionsfermentation für neue Lebensmittel gezielt vorangetrieben werden. Ziel ist die Entwicklung plattformbasierter Alternativen zu traditionellen Fleisch-, Fisch- und Milchprodukten. Für die erste dreijährige Umsetzungsphase werden ab 2027 bis zu 15 Millionen Euro bereitgestellt – ein starker Impuls für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Deutschland, den der BioEconomy e.V. ausdrücklich begrüßt.
Denn biotechnologische Produktionssysteme bieten durch eine effizientere Rohstoffnutzung und einen drastisch reduzierten Flächenbedarf das enorme Potenzial, unsere Agrar- und Ernährungssysteme nachhaltig zu stärken und langfristig krisenfest zu gestalten. Dass die Bundesregierung hier nun den Forschungs-Turbo zündet, ist daher grundsätzlich eine sinnvolle Maßnahme.
Allerdings mangelt es im „Novel Food“-Sektor eigentlich nicht an innovativen Lösungen – im Gegenteil: Start-ups, die Lebensmittel aus Bakterien und Hefen, Pilzkulturen, Mikroalgen oder tierischen Stammzellen herstellen, gibt es einige. Nur scheitern viele an regulatorischen Hürden. Auf Bundes- und vor allem auf EU-Ebene existieren zahlreiche Vorgaben, die Markteintritt und Skalierung innovativer Verfahren erschweren bis unmöglich machen.
Während der Bund nun also Millionen in die Erforschung neuartiger Lebensmittel steckt, wird der anschließende industrielle Hochlauf jener (sowie bereits bestehender) Produkte regulatorisch ausgebremst. Das Hamburger Unternehmen MicroHarvest etwa, das mithilfe von Biomasse-Fermentation aus Bakterien essbare Proteine herstellt und ebenfalls mit über 5 Millionen Euro Bundesmitteln gefördert wurde, produziert aus diesem Grund aktuell nur für den „Novel Feed“-Markt – also Futtermittel für Tiere. Dort sind die regulatorischen Vorgaben zwar ebenfalls hoch, aber zumindest niedriger als im Lebensmittelbereich.
Das Beispiel zeigt: Die ambitioniertesten technologischen Durchbrüche nützen wenig, wenn die anschließende Skalierung und Zulassung im europäischen und nationalen Rechtsrahmen versinken. Die europäische Novel-Food-Verordnung (EU) 2015/2283 ist in ihrer aktuellen Ausgestaltung das Paradebeispiel für diesen Bremsklotz. Die Zulassungsverfahren für zellgezüchtete Proteine oder Produkte aus Präzisionsfermentation bei der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) gelten im globalen Vergleich als extrem langwierig, bürokratisch und schwer kalkulierbar. Während Regionen wie Singapur oder die USA proaktiv Zulassungen erteilen und damit enorme Mengen an privatem Risikokapital anziehen, wandern vielversprechende europäische Innovationen gezwungenermaßen ins Ausland ab, um dort erste Markterfahrungen zu sammeln. MicroHarvest will ab kommendem Jahr in einer neugebauten Anlage in Leuna 15.000 Tonnen Protein für die Tierfutterindustrie herstellen. CEO Jonathan Roberz hofft auf eine baldige Zulassung auch für den Lebensmittelsektor. Bis er die bekommt, schaut er auf andere Märkte, zum Beispiel in den USA.
Auch auf nationaler Ebene stoßen biobasierte Innovationen auf Hürden. Die im aktuellen Förderaufruf explizit erwähnten neuen genomischen Techniken (NGT) zur Entwicklung stabiler Zellkultursysteme unterliegen in Deutschland und der EU nach wie vor den strengen, veralteten Restriktionen des klassischen Gentechnikrechts. Obwohl die Wissenschaft längst differenzierte, präzise Werkzeuge einsetzt, blockiert der unklare politische und rechtliche Umgang mit der EU-Gentechnik-Reform die Planungssicherheit für Investoren im Novel-Feed- und Novel-Food-Sektor. Genau dieses Spannungsfeld greift der Förderaufruf erfreulicherweise mit begleitenden Forschungsaufträgen auf, indem er die Analyse „innovationshemmender Rahmenbedingungen“ fordert.
Doch wissenschaftliche Analysen allein genügen nicht mehr. Wir brauchen dringend eine politische Harmonisierung: Wer die biobasierte Transformation und die Ernährungssicherheit der Zukunft will, muss Forschung und Regulierung zusammendenken. Eine beschleunigte, verlässliche und innovationsfreundliche Zulassungspraxis ist der einzige Weg, damit die geförderten Meilensteine von heute morgen auch im Supermarktregal ankommen und echte wirtschaftliche Wertschöpfung in Deutschland generieren können.
In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen
Ihr BioEconomy e.V.
Top-News: Proteine der Zukunft: Millionenförderung für Lebensmittel-Biotech
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt hat den Förderaufruf „Innovationshub Biotech4Proteins“ gestartet. Ziel ist es, ein unternehmensgetriebenes Innovationsökosystem für Zellkultivierung und Präzisionsfermentation aufzubauen, um nachhaltige Alternativen zu Milch, Fleisch und Fisch zu entwickeln. Für die erste dreijährige Umsetzungsphase ab 2027 werden bis zu 15 Millionen Euro bereitgestellt. Führende Forschungseinrichtungen können sich für die vorgeschaltete, sechsmonatige Konzeptphase (dotiert mit bis zu 60.000 Euro) bewerben, die bereits am 1. September 2026 startet.
Aus unserem BioEconomy-Netzwerk:
DBFZ: Treibhausgas-Quote leistet „überschaubaren“ Beitrag zur Erreichung der Klimaziele
Das Deutsche Biomasseforschungszentrum (DBFZ) hat ein aktualisiertes Hintergrundpapier zur nationalen Ausgestaltung der Treibhausgasminderungs-Quote (THG-Quote) veröffentlicht. Vor dem Hintergrund der EU-Richtlinie RED III untersucht die Analyse das zweite Gesetz zur Weiterentwicklung des Instruments und dessen Auswirkungen auf künftige Kraftstoffbedarfe. Das Fazit der Forschenden fällt zurückhaltend aus: In der aktuellen Form bietet die THG-Quote nur eingeschränkt Planungssicherheit für benötigte Kraftstoffmengen und leistet einen überschaubaren Beitrag zur Erreichung der Klimaziele im Verkehr bis 2045.
Optimierter Erbsenanbau für den Strukturwandel
Die Nachfrage nach pflanzlichen Proteinen steigt rasant – ein großes Potenzial für Sachsen-Anhalt. Im Rahmen des mit 105 Millionen Euro geförderten Verbundprojekts „DiP“ (Digitalisierung pflanzlicher Wertschöpfungsketten) soll der Erbsenanbau im Land ausgebaut und digital optimiert werden, um neue Arbeitsplätze im Strukturwandel zu schaffen. Während 2025 mit rund 76.100 Tonnen Futtererbsen bereits eine Rekordernte erzielt wurde, erforschen Wissenschaftler am IPK Gatersleben mittels Drohnen robustere, klimaresistente Sorten, um Herausforderungen wie Bodenmüdigkeit und Frühsommertrockenheit zu bewältigen.
Weltweit erste Anlage für CO₂-neutrales eMethanol im Industriemaßstab
Im Chemiepark Marl entsteht die weltweit erste industrielle Demonstrationsanlage für CO₂-neutrales eMethanol. Das Start-up Greenlyte Carbon Technologies nutzt hierfür die innovative „Liquidsolar“-Technologie, um grünes CO₂ direkt aus der Atmosphäre sowie Wasserstoff standortunabhängig zu Kraftstoff zu kombinieren. Die Griesemann Gruppe übernimmt das grundlegende Engineering für das rund 25 Millionen Euro teure Transformationsprojekt. Der iterative Aufbau startet im vierten Quartal 2026, während die offizielle Inbetriebnahme für das erste Quartal 2027 geplant ist.
HYDROGENGALAXY: KI-basierte Lernplattform für die Wasserstoffwirtschaft
Die move technology GmbH präsentiert mit der „HYDROGENGALAXY“ eine neuartige, KI-basierte digitale Lernplattform für den Bereich der nachhaltigen Energieträger. Das flexible Bildungsangebot soll durch personalisierte Lernpfade und Gamification dem Fachkräftemangel sowie Dozentenmangel entgegenwirken. Das System vermittelt verifiziertes Wasserstoff-Wissen individuell angepasst an Einsteiger und Fachkräfte. Der offizielle HYPOS-Pitch zur Plattform findet am 23. September 2026 statt, Anmeldungen sind ab sofort möglich:
Aus der Welt der Bioökonomie:
Klimaneutraler Erdgas-Ersatz: Forschende entschlüsseln neuen Syntheseweg
Forschende der TU Wien und der Universität Innsbruck haben im Rahmen des Exzellenzclusters „MECS“ einen unerwarteten chemischen Reaktionspfad zur Herstellung von synthetischem Methan (CH₄) entdeckt. Mithilfe einer speziellen Elektrode aus Nickel auf Yttrium-stabilisiertem Zirkonoxid können Kohlendioxid und Wasserdampf unter elektrischer Spannung direkt in klimaneutralen Erdgas-Ersatz umgewandelt werden. Entgegen bisheriger Annahmen spielt das Zirkonoxid dabei eine aktive Rolle im Prozess. Das Verfahren bietet völlig neue Perspektiven, um überschüssigen Sonnenstrom langfristig chemisch zu speichern.
EU reformiert CO₂-Emissionshandel
Die Europäische Kommission hat einen Reformvorschlag für den Emissionshandel (EU-ETS) vorgelegt, um Klimaschutz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit besser zu vereinen. Vorgesehen sind unter anderem ein angepasster Reduktionspfad für CO₂-Zertifikate, Änderungen an der Marktstabilitätsreserve sowie gezieltere Mittel aus den ETS-Einnahmen für die industrielle Defossilisierung. Zudem stehen eine verlängerte kostenlose Zuteilung von Zertifikaten und die künftige Einbindung von CO₂-Entnahmen zur Diskussion. Während Industrie-Vertretungen praxistaugliche Übergangsfristen und Infrastrukturen fordern, warnen Forschungsinstitute vor einem sinkenden Innovationsdruck.
Europäische Energieunternehmen planen grenzüberschreitende CO₂-Infrastruktur
Sechs führende europäische Energieunternehmen, darunter Gasunie, Open Grid Europe, Shell und TotalEnergies, haben eine Absichtserklärung zum Aufbau eines gemeinsamen CO₂-Pipelinenetzes unterzeichnet. Das Vorhaben ist Teil des Delta-Rhein-Korridors und soll Industriecluster in Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden mit Offshore-Speicherstandorten in der niederländischen Nordsee verbinden. Die grenzüberschreitende Infrastruktur zielt darauf ab, schwer vermeidbare Prozessemissionen aus Branchen wie Chemie, Zement und Stahl mithilfe von Carbon Capture and Storage (CCS) kosteneffizient abzutransportieren.
Wichtige Grundchemikalie: Biobasiertes Anilin aus pflanzlichem Zucker
Der Chemiekonzern Covestro plant die Entwicklung des weltweit ersten kontinuierlichen Fermentationsprozesses für biobasiertes Anilin aus pflanzlichen Zuckern. Gemeinsam mit zehn Partnern wird die Technologie im EU-geförderten Projekt „Bio4PurConti“ mit einem Budget von 8,4 Millionen Euro erprobt. In Pilotanlagen in Gent und Leverkusen soll das Verfahren bis zum 1,5-Kubikmeter-Maßstab skaliert werden. Das entstehende biobasierte Anilin ist voll kompatibel mit bestehenden Polyurethan-Wertschöpfungsketten und soll CO₂-Emissionen in der Chemiebranche drastisch senken. Anilin ist ein chemischer Grundstoff für die Herstellung von u. a. Arzneimitteln und Insektiziden.
Veranstaltungen:
DBFZ-Jahrestagung 2026
Unter dem Motto „Biomasse 2045 – Kreisläufe gestalten, für eine klimaneutrale Zukunft“ widmet sich die DBFZ-Jahrestagung am 08. und 09. September der effizienten Überführung biogener Rest- und Abfallstoffe in marktfähige Produkte. Am Deutschen Biomasseforschungszentrum in Leipzig diskutieren Fachleute aus Wissenschaft, Industrie und Politik praxistaugliche Konversionsverfahren, Bioraffinerie-Konzepte sowie Lösungsansätze zur Erzeugung von Wasserstoff oder Torfersatz. Der Fokus liegt auf der Verknüpfung von großtechnischer Umsetzung, Klimaschutz und Ressourcenschonung sowie der praxisnahen Einordnung aktueller Forschungsergebnisse. Anmeldeschluss ist der 04. September.
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